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24.03.2017 - 12:11 Uhr

“Ideen in Resultate umzuwandeln ist eine großartige Erfahrung” - Fotografin Marion Schult im Interview

Marion Schult Fotografie_

Im BEST OF 2016 zeigen professionelle Fotografen ihr bestes, persönlichstes oder emotionalstes Foto aus dem letzten Jahr.

Mitgemacht hat auch Marion Schult mit einer künstlerischen Aufnahme.

 

BF: Hallo Frau Schult, Sie haben ein freies Bild als Ihr wichtigstes Foto aus 2016 gewählt.

Marion Schult: Es ist eine freie Arbeit, die ich “The Beauty of Nature” genannt habe. Ich mag daran die Verletzlichkeit der Frau, die in dieser Pose, in der Umarmung mit dem Baum fragil wirkt. Andererseits gibt das schöne Licht ihr eine gewisse Kraft. Die Kraft findet sie auch in der Natur, der sie sich in dieser symbolischen Umarmung hingibt. Ich habe früher einmal Ethnologie studiert, mich indianischen Kulturen beschäftigt und selbst bei einem Medizinmann einen Workshop mitgemacht. Die Indianer nutzen das Ritual der Baumumarmung, um Stress abzubauen und Negatives abzustreifen. Irgendwann spürt man jedes Blättchen und die gesamte Energie des Baumes. Bäume geben Kraft. Ich finde, dass wir in einer Zeit leben, in der sich viel verändert. Es ist schön für jeden Menschen zu wissen, wo er Energie herbekommt, wo er Schönheit und Reinheit erfährt.

 

BF: Sie fotografieren viel im Bereich der Werbung und Mode, das ist ein Kontrast zu dieser Arbeit.

Marion Schult: Das sind natürlich kommerzielle Auftragsarbeiten für Frisöre oder Loreal, Schwarzkopf. Ich möchte meine Webseite auch noch ausbauen und mehr Ausstellungen machen. In den 80er und 90er Jahren habe ich sehr viele internationale Stars für Titelstories fotografiert. Ich hatte mein Studio bei den Hansa-Tonstudios im Haus. Dadurch habe ich viel mit den Stars gearbeitet, die dort ihre Platten aufgenommen haben. Diesen Fundus möchte ich, unter anderem, einmal ausstellen. Das Bild gefällt mir, weil es keine Auftragsarbeit war, sondern für eine Ausstellung gemacht wurde.

 

BF: Charakterisiert dieses Bild dann eher Ihren Stil?

Marion Schult: Es zeigt meine innere Einstellung, meine Emotionen. Es geht um die Schönheit der Natur von der wir abhängig sind und die wir schützen müssen. Ich finde, dass sich jeder von uns mehr um die Natur kümmern sollte. Wir müssen wachsamer sein, wir müssen politischer sein und uns nicht nur einseitig informieren.

 

BF: Dieses Bild ist Teil einer größeren Serie?

Marion Schult: Es sind jetzt drei Bilder, aber es werden mehr Bilder kommen, die vielleicht auch nur Natur zeigen. Letztlich soll es eine größere Ausstellung werden. Das Foto zeigt die Verletzlichkeit des Menschen generell, auch gegenüber der Natur. Im Vergleich mit dem Baum ist der Mensch relativ klein.

 

BF: Sie haben Ethnologie studiert. Wie sind sie dann Fotografin geworden?

Marion Schult: Ich habe Fotografie an der UDK in Berlin gelernt, in einer Zweigstelle für Optik, Fototechnik und Kamera. Ich bin Anfang der 80er Jahre sehr technisch ausgebildet worden. Alles war analog. Die Geschichten über Stars in Magazinen haben mich angeregt. Die Superstars selbst einmal zu fotografieren, diesen Jugendtraum habe ich mir erfüllt. Ich habe durch Zufall das Fotostudio in den Hansa-Tonstudios gefunden. So hatte ich Zugang zu Bands wie Depeche Mode. Ich habe die Leute unten im Restaurant kennengelernt, angesprochen und letztendlich Fotosessions mit Ihnen gemacht und als Cover an Zeitschriften verkauft. Es war ein Traumzustand, in dem sich mein Traum verwirklicht hat. Allerdings war es eine Nachtszene. Ich habe oft mitternachts angefangen Fotos für Plattencover zu machen und war morgens um sechs erst fertig. Das konnte ich und wollte ich irgendwann nicht mehr.

Durch Zufall habe ich dann begonnen, Neon-Makes-Ups, Nagellacke und Neon-Kleidung als erste in Berlin zu fotografieren. Das war brilliant. Ich habe meine Studio-Blitzanlage umbauen lassen. Normalerweise sind die UV-Strahlen gesperrt. Ich habe neue Blitzröhren gekauft, bestimmte Filter und dann konnte ich das umsetzen. Damit bin ich in das Magazin Fototechnik International und in die Fashionbranche gekommen. Die Technik habe ich noch immer, ich könnte jeder Zeit wieder damit anfangen, aber bei mir hat ein neuer Zeitabschnitt begonnen.

 

BF: Wie kommt es zu dieser anderen Zeit, zu diesem Umschwung?

Marion Schult: Es ist eine Bewusstseinsentwicklung. Ich liebe Werbung, ich liebe Fashion, ich liebe Schönheit. Das gehört dazu. Auf der anderen Seite habe ich eine Tiefgründigkeit. Ich kann oberflächlich immer an Schönheit kleben bleiben, aber man entwickelt sich weiter. Ich bin nicht mehr die Jüngste mit über 50 Jahren, obwohl ich mich vom Herzen her jung geblieben fühle. Mein Bewusstsein hat sich weiterentwickelt. Ich will mehr Ausstellungen machen und mehr Messages rüberbringen, als immer nur Auftragsarbeiten zu machen. Ich will zeigen, was mir auf dem Herzen liegt.

 

BF: Fällt es Ihnen schwer, Auftragsarbeiten anzunehmen, wenn Ihnen eigentlich andere Dinge auf dem Herzen liegen?

Marion Schult: Nein, weil ich meine Kunden liebe. Ich liebe Beauty, schöne Haare. Das richtig ins Licht zu setzen und noch schöner darzustellen, macht mir Spaß. Das ist in mir und auch kein Widerspruch. Die Natur ist ja auch schön.

 

BF: Was ist Ihnen bei Ihren Aufnahmen wichtig?

Marion Schult: Absolute Perfektion. Wenn ich einen Auftrag annehme, gebe ich immer 100%. Wenn ich das Gefühl habe, dass da immer noch mehr geht, versuche ich das Team dazu zu bekommen, noch einmal alles zu geben, ohne das overtime berechnet wird.

 

BF: Welche Elemente machen für Sie Perfektion aus? Wie spiegelt sich Perfektion in dem Bilder oder in dem ganzen Auftrag wider?

Marion Schult: Perfektion ist eine Technik und ein Bild, an dem man nichts mehr verändern möchte, zugleich.

 

BF: Wussten Sie im Moment der Aufnahme bereits, dass es ein besonderes Bild für Sie wird?

Marion Schult: Ja, das wusste ich. Ich sah den Baum und das Licht. So etwas strahlt mich einfach an. Portraits, die die Seele des Menschen einfangen, sind für mich die wichtigen Bilder. Ohne Fotografie und die Kamera kann ich mir das Leben gar nicht vorstellen. Es ist für mich eine große Erfüllung eine Idee zu haben, dann das zusammenzutragen, was ich brauche, um diese Idee umzusetzen, zu fotografieren und später das Resultat zu sehen. Eine größere Befriedigung als Ideen in Resultate umzuwandeln gibt es nicht. Manchmal wird es auch viel schöner, als ich es mir vorgestellt habe. Das gibt mir Seelenheil, Glück, Zufriedenheit. Das ist das Schönste, was man auf der Welt haben kann. Als Fotograf kommt man mit unterschiedlichen Gesellschaftsschichten in Berührung, das ist spannend. Ich habe eine Woche lang Willy Brandt auf seiner Wahlkampftour 1990 in Gera, Dresden und Karl-Marx-Stadt begleiten dürfen. Das war einer der spannendsten Aufträge für mich.

 

BF: Woher bekommen Sie die Ideen für Ihre Arbeiten?

Marion Schult: Ich gehe in viele Kunstausstellungen. Ich bin mit vielen Malern, Musikern und anderen Künstlern befreundet. Wir tauschen uns viel über das Weltgeschehen, Gefühle aus. Wir Künstler haben die Aufgabe auszudrücken, wie wir gerade die Welt sehen. Wir haben auch viel mehr Möglichkeiten uns auszudrücken, als jemand, der im Büro sitzt. Es geht auch darum einen Beruf zu finden, der einem etwas gibt und das ist nicht einfach. Ich bin das schwarze Schaf in einer Medizinerfamilie, aber ich bin froh darüber.

 

BF: Wieso haben Sie trotzdem Ethnologie studiert und nicht gleich Fotografie?

Marion Schult: Ich wollte nicht das Dummchen in der Akademikerfamilie sein. Ich wollte beweisen, dass ich wissenschaftlich arbeiten kann. Ethnologie war ein reines Interessenfach. Ich hätte mir auch vorstellen können weiterhin akademisch zu arbeiten, aber irgendwann musste ich mich entscheiden, ob ich an der Uni oder als Fotografin wirken will. Ich habe dann das Studium ohne Abschluss aufgegeben, aber wenn ich heute ins Pergamonmuseum gehe, bekomme ich eine Gänsehaut nach der anderen. Das Studium hat auch meine Fotografie inspiriert.

 

BF: Sie schreiben, dass 2016 eine aufregende Zeit für Sie war.

Marion Schult: Alles ist schneller geworden, gerade durch das Internet, durch Technik, die ich liebe. Ich wollte Photoshop und Digitaltechnik beherrschen, aber diese Entwicklung hat sich gesellschaftlich viel verändert. Die Menschen kommunizieren anders. In den 80er Jahren war es leichter zu überleben.

 

BF: Wie hat sich Ihr Leben als Fotografin von den Anfängen in den 80er Jahren bis heute verändert? Was planen Sie in 2017?

Marion Schult: Die Technik hat sich verändert, vor allem hat sich viel durch die Bildbearbeitung geändert. Die Digitaltechnik gibt Menschen das Gefühl fotografieren zu können, aber das Niveau hat sich dadurch eher nach unten nivelliert. Es gibt unglaublich viele schlechte Fotos auf dem Markt. Die Fashionblogger beispielsweise stellen Fashion lifestylig an einer normalen Frau in einem normalen Ambiente und ohne Attitude dar. Dadurch ist viel Glamour verloren gegangen und letztlich hat sich so der Stil in der gesamten Branche verändert.

Gucci, Prada und andere Designer arbeiten natürlich noch immer mit Konzepten und tollen Fotografen, die dann Ergebnisse im High-End-Bereich liefern. Freizeitfotografen beeinflussen den Markt aber negativ. Manche rotzen ein Bild hin, stellen es ins Internet und es wird 1000 Mal geliked. Das ist die Lüge an der Geschichte.  

Für mich bedeutet das, dass ich in 2017 neben meinen Aufträgen an einer Fotoausstellung arbeiten möchte, wo dieses Foto dann auch unbedingt dazu gehört.

 

Marion Schult

 

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