Fotografen Verzeichnis deutscher Berufsfotografen:

16.01.2018 - 13:02 Uhr

"Rückblickend habe ich viel zu wenig fotografiert" - im Gespräch mit Jürgen Pollak

BF: Hallo Herr Pollak, Sie haben als Fotograf in Paris, Berlin, Wien und New York gelebt und dabei zwei Wendepunkte in der Weltgeschichte hautnah miterlebt.

Jürgen Pollak: Ja, das stimmt. Der eine historische Wendepunkt des Mauerfalls öffnete alles und 9/11 nahm dann viele Hoffnungen. Eigentlich komme ich aus Stuttgart und bin erst nach Paris und später für mein Kunststudium nach Berlin gegangen, wo ich dann den Mauerfall miterlebt habe. Diese Zeit war eine wahnsinnige Erfahrung. Dann zog es mich nach Wien und kurz vor 9/11 nach New York. Ich hatte in der GreenCard Lotterie gewonnen bin 5 Tage vor 9/11 nach New York gezogen Der Anschlag war traumatisierend, aber natürlich habe ich den ganzen Tag dokumentiert, fotografiert und auch die ganze Zeit danach festgehalten. Ein knappes Jahr später bin ich dann wieder nach Deutschland gezogen, weil die wirtschaftliche Situation nach 9/11 natürlich verheerend war.

 

BF: Sind Ihre Fotos eine Art Übersetzungsarbeit dieser kulturellen Grenzerfahrungen?

Jürgen Pollak: Das würde ich mir nicht anmaßen. Die Kamera hilft mir aber natürlich zu verstehen, einzufangen, abzubilden. Für mich ist sie eher ein Übersetzer. Ich habe in der 13. Straße in New York gewohnt und als das erste Flugzeug übers Apartment geflogen ist, dachte ich nur: Das ist aber sehr tief unterwegs. Eine Minute später hörte ich Polizei- und Feuerwehrsirenen und dachte: Das kann nicht sein, dass das Flugzeug hier irgendwo in der Stadt abgestürzt ist. Ich bin dann raus, wollte mir etwas zum Frühstücken holen und da brannten auch schon beide Türme. Ich habe mich dann zwischen Video- oder Fotokamera für die Fotokamera entschieden. Die Kamera ist mein Tool, um Kontakt mit der Umwelt aufzunehmen und das real zu erfassen.

 

BF: Ist Ihre Kamera auch eine Möglichkeit, sich emotional vor dem zu schützen, was in Ihrer Umgebung passiert? Die Situation in New York muss erschütternd gewesen sein.

Jürgen Pollak: Ich würde nicht sagen, dass die Kamera eine bewusste Schutzfunktion übernimmt. Aber der Tag an sich war natürlich unbegreifbar. Ich habe das World Trade Center gesehen, als es brannte. Die wirkliche Dramatik entstand, als der erste Turm eingestürzt ist. In dem Moment waren alle geschockt. Die Inszenierung, die man am Fernsehen bekommt, gab es nicht. Das war in dem Moment Realität, die man später erst begreift. Ich habe mit der Kamera die Emotionen der Menschen eingefangen. Das war für mich persönlich eine der traumatischsten Erfahrungen meines Lebens. Die Bilder dieses Tages habe ich dann in New York in der Ausstellung „Here is New York“ und auch hier in Deutschland zum 10. Jahrestag ausgestellt.

 

BF: Sie haben sich dann in den USA auf die Architekturfotografie spezialisiert.

Jürgen Pollak: Nach 9/11 war in New York Downtown Manhattan für den Verkehr gesperrt und dadurch oft menschenleer. An diesen Tagen habe ich sehr viel Architektur fotografiert. Das menschenleere New York war somit eine unbewusste Initialzündung für meine Architekturfotografie. Nach meinem Umzug nach Stuttgart habe ich dann eine Serie über die Stadt fotografiert und auch Stuttgart nachts menschenleer fotografiert. So ist dann letztlich mein Hang zur Architekturfotografie entstanden.

 

BF: Neben 9/11 haben Sie auch den Mauerfall miterlebt. Wie war diese Zeit in Berlin?

Jürgen Pollak: Ich habe damals vor allem den dramatischen Wandel des Stadtbilds dokumentiert. Man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen, dass innerhalb von Monaten die Mauer einfach aus dem Stadtbild verschwunden war. Es war extrem spannend, das zu sehen und zu erleben. Wenn man 500 Meter innerhalb der Stadt ging, war man in einer anderen Kultur. Im damaligen Prenzlauer Berg gab es Häuser, bei denen die Jalousien seit 1945 nicht mehr oben waren. Geschichte war damals in Berlin wesentlich besser erfahrbar als in Stuttgart. In Berlin gab es noch offene Wunden und Ruinen. In den Monaten nach der Grenzöffnung habe ich dann als Student beim Sender Freies Berlin gearbeitet. Wir haben verschiedene Reportagen im Umland von Berlin gemacht. Ich dachte immer: So muss es auch in Westdeutschland in den 50er Jahren ausgesehen haben. Alleen von denen ich dachte, dass schon Friedrich der Große dort entlang gefahren ist. Das waren kleine Zeitreisen für mich. Es war irrsinnig spannend. Ich bin dann einmal in einen Konsum in Ostberlin zum Einkaufen gegangen, weil ich wissen wollte, was es dort an Lebensmitteln gibt und wie es schmeckt. An der Kasse sagte die Verkäuferin zu mir: “Sie können nicht zahlen.” Ich meinte: “Doch, ich kann zahlen. Ich habe Ost- und Westmark.” Sie erwiderte: “Nein, Sie können nicht zahlen, Sie haben keinen Einkaufswagen.” Bei meinem Penny um die Ecke hingegen stand zu der Zeit immer eine Schlange von Ostdeutschen, die auf einen Wagen warteten, weil sie wahrscheinlich dachten, dass sie sonst nicht zahlen können. Das waren die kleinen Unterschiede im Alltag.

 

BF: Vor der Internetblase haben Sie dann auch noch ein Internetstartup mitgegründet. Wie kam es dazu und wie sind Sie letztlich Fotograf geworden?

Jürgen Pollak: Ich habe immer schon leidenschaftlich fotografiert. Professionell begann es in Paris, wo ich als Fotoassistent für Peter Knaup, einen Stillifer, gearbeitet habe. Mein Studium der visuellen Kommunikation an der UDK Berlin hat mich dann zunächst zum Film gebracht. Nach meinem Umzug nach Wien habe ich dann mein eigenes Fotostudio aufgebaut, aber weiterhin auch Film- und Videoarbeiten gemacht. So kam es, dass ich mit einem Freund ein Internet-Start-up gegründet habe. Das war eines der ersten deutschsprachigen Internetportal im Stile von YouTube. Wir haben sogar den Gang an die Börse gewagt und hatten im Sony Center am Potsdamer Platz in Berlin ein Flagshipstore. Alles ist möglich, das war damals die Devise, bis die Internetblase geplatzt ist und danach alle kalte Füße bekommen haben. Die Möglichkeiten hatten sich relativiert. Ich bin dann ausgestiegen.

 

BF: Was war Ihnen damals und vielleicht auch noch heute bei Ihren Aufnahmen besonders wichtig?

Jürgen Pollak: Ich unterscheide persönlich zwischen Auftragsarbeiten und freien Arbeiten. Wichtig ist mir, dass die Aufnahmen die Architektur des Gebäudes visuell erfahrbar machen, dass man die Intention des Architekten erfährt. Ich möchte dabei auch immer unbekannte Perspektiven einfangen und sichtbar machen. In Stuttgart befasse ich mich viel mit der Stadtarchitektur und urbanen Strukturen, denn Stuttgart ist ein sehr „schönes“ Beispiel für städteplanerische Fehler der letzten 60 Jahre. Ich denke, dass es wichtig ist, alte Architektur, auch Nachkriegsbauten, im Stadtbild zu haben, um Geschichte sichtbar zu und erlebbar machen. Hier in Stuttgart werden ganze Stadtviertel abgerissen und mit Shoppingmalls bebaut. Es gibt hier städteplanerisch absurde Situationen, wie den Österreichischen Platz, der eigentlich ein Loch ist und kein Platz. So etwas versuche ich in meinen Arbeiten zu dokumentieren. Eine Stadt und ihre Architektur wird im Alltag oft nur mehr taktil rezipiert. Man bewegt sich ständig durch einem bekannte Strassen und Orte, ist dabei vielleicht schon hundert Mal über eine Brücke gefahren, nimmt diese aber bewußt visuell nicht mehr wahr. In meinen Arbeiten geht es darum, die Stadt wieder visuell erfahrbar zu machen. Spannend ist es daher auch, nachts um 2:00 in einer Stadt unterwegs zu sein, oft ist man dann alleine und der Stadtraum erschließt sich einem völlig neu.

 

BF: Hat sich eigentlich etwas an Ihrer Einstellung und Motivation geändert, seitdem Sie fotografieren?

Jürgen Pollak: Rückblickend betrachtet habe ich viel zu wenig fotografiert, mir fehlen immer wieder Bilder. Meine Motivation mehr zu fotografieren ist daher größer geworden. Ein längeres Projekt sind dabei Tankstellen, denn Tankstellen werden aussterben. Bevor das passiert, will ich diese fotografieren. Zu fotografieren macht mir immer noch sehr viel Spaß. Ich liebe es, gute Bilder zu machen. Früh morgens in der Stadt oder in den Bergen zu fotografieren ist einfach ein wahnsinnig schönes Gefühl. Ich bin sehr dankbar, dass ich das kann und darf. Es ist einfach ein toller Beruf.

 

BF: Vielen Dank für das Gespräch!

 

Weitere Bilder von Jürgen Pollak findet man auf www.juergenpollak.de oder auf seinem BF Profil

 

 

 

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